Schweiz schwänzt neues System bei Entführungen

Geschrieben von: admin

2013-10-08

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Eine neue, europaweite Plattform soll die Suche nach verschleppten Minderjährigen verbessern. Ob die Schweiz bei dem Alarmsystem mitmacht, ist alles andere als sicher.

Ziel von AMBER Alert Europe ist es, die Kinder in den ersten Stunden nach ihrer Entführung oder nachdem sie zum Opfer von Menschenhändlern wurden, zu retten. Die Initianten wollen mit Unterstützung der EU ein grenzübergreifendes Alarmsystem schaffen.

Tun wir genug, um die verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu schützen? «Wenn ein Kind entführt wird, dürfen wir keine Sekunde verlieren», sagt der Holländer Frank Hoen. Mit jeder Stunde sinke die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang. Hoen ist Gründer von Amber Alert Europe, der ersten europaweiten Plattform zur Rettung verschleppter Kinder und Jugendlichen. Das EU-Pilotprojekt sieht vor, alle Menschen in einer bestimmten Region in Alarmbereitschaft versetzen zu können – über die Landes- und Sprachgrenzen hinweg.

Dafür ist kürzlich www.amberalert.eu aufgeschaltet worden. Über die Website werden Suchmeldungen innert Minuten verbreitet – in Massenmedien, Internet und in der realen Welt. «Wenn das nächste Mal ein Kind verschwindet, sollten alle sofort ein Bild des Kindes sehen: Bürger, Medien, Polizeikräfte und Grenzbeamte», so Hoen Wird ein Kind in Grenznähe entführt, sollte umgehend auch auf der anderen Seite der Grenze Alarm geschlagen werden.

Und die Schweiz?

Die europäische Initiative will alle bestehenden nationalen Kinderrettungssysteme miteinander verknüpfen. Die Schweiz verfügt seit 2010 über ein eigenes Alarmsystem, die Federführung liegt bei den Kantonen. Wird ein Kind entführt, kann die Polizei alarmieren. Die Meldung wird sofort via Radio, Fernsehen und Online-Medien (auch via 20min.ch) verbreitet. Daneben gibt es Hinweise auf Autobahn-Anzeigetafeln und Durchsagen an Bahnhöfen und Flughäfen. Ausserdem sollen die Bürger via Gratis-SMS zur Wachsamkeit aufgerufen werden (siehe Box).

Mitten in Europa gelegen, wäre die Schweiz ein idealer Partner für Amber Alert. Doch der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Entführungsalarm, Philipp Maier, winkt ab. Der Schaffhauser Kriminalpolizeichef sieht «im Moment keinen Bedarf nach einer Ausweitung, da von Anfang an nur die Einrichtung eines landesweiten Entführungsalarmsystems geplant war». Es sei im gegenteiligen Fall auch nicht vorgesehen, ausländische Entführungsfälle auf dem Weg des Schweizer Entführungsalarms zu publizieren.

Fragwürdiger Alleingang

Dafür hat CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer kein Verständnis. «Die internationale Zusammenarbeit muss gefördert und forciert werden», sagt die Zürcher Familienpolitikerin. Sie hatte sich schon für die Einführung des landesweiten Alarmsystems eingesetzt.

Dieses System wurde erst auf massiven politischem Druck hin eingeführt. Obwohl nach der Ermordung von Ylenia 2007 breiter Konsens herrschte, dass etwas getan werden muss. Die Tötung des Aupair-Mädchens Lucie Trezzini 2009 nahm Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf zum Anlass, um auf die kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren einzuwirken. Das Alarmsystem startete am 1. Januar 2010.

Noch nie ausgelöst

Bis heute ist der Schweizer Entführungsalarm noch nie ausgelöst worden. Das ist auch auf die strengen Kriterien zurückzuführen. Nur wenn konkrete Hinweise auf eine Entführung einer minderjährigen Person vorliegen, kommt ein öffentlicher Aufruf infrage. Nur wenn angenommen werden muss, dass die entführte Person an Leib und Leben bedroht ist, wird alarmiert. Es soll nicht für die Suche von ausgebüxten Jugendlichen benützt werden.

Suchmeldungen können auch aus dem Ruder laufen, wenn die Bevölkerung nach einem entführten Kind Ausschau hält. Sollte der Täter den Alarm mitbekommen, muss mit einer Kurzschlussreaktion gerechnet werden. Die Polizei kann aus taktischen Gründen auf einen Alarm verzichten. Dies war zuletzt in Murten der Fall: Anfang Jahr wurde ein zweijähriges Mädchen von seinem Vater nach Deutschland verschleppt. Dank eines internationalen Haftbefehls konnte der Mann verhaftet werden. Das kleine Mädchen war wohlauf.

Bewährte Technologie

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Entführungsalarm weist auf bestehende Kontakte zu ausländischen Polizeibehörden hin. Bei Alarm würden auch solche Verbindungen genutzt. Auch ohne Entführungsalarm stehe es der fallführenden Polizei frei, weitere Massnahmen einzuleiten, so Maier. Die Polizei kann auf eigene Faust einen Aufruf in den Massenmedien lancieren.

Amber Alert basiert auf einer Technologie, die seit 2008 in den Niederlanden eingesetzt wird. Dort werden die Suchmeldungen 1,2 Millionen Abonnenten zugestellt. Das System gilt als erfolgreichste Bürgerinitiative des 17-Millionen-Einwohner-Landes. Neben iPhone-App und SMS-Versand werden die Meldungen automatisch über Twitter und Facebook veröffentlicht. Pro Jahr erlässt die holländische Polizei im Schnitt vier Suchmeldungen, die Erfolgsquote liegt bei 64 Prozent.

Tag der vermissten Kinder

Am 25. Mai wird rund um den Globus der Tag der vermissten Kinder begangen und auch in der Schweiz die Menschen bewegen. Spätestens dann stellt sich erneut die Frage, ob wir wirklich gerüstet sind für das Schlimmste.

Die Stiftung Sarah Oberson spricht sich schon heute für die Erweiterung des nationalen Alarmsystems und die Kooperation mit AMBER Alert Europe aus. Die gemeinnützige Organisation wurde im Wallis gegründet, um betroffenen Familien beizustehen und die öffentliche Diskussion zu beleben. Die fünfjährige Sarah verschwand am 28. September 1985 spurlos. Die Stiftung bewahrt ihr Andenken und unterstützt alle Versuche, die Spur wieder aufzunehmen.

von Daniel Schurter –

http://www.20min.ch/digital/news/story/16362140

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